An dieser Stelle wird das Flugblatt publiziert, das gerade an der Universität Hamburg auf den Mensatischen verteilt wird. Im Archiv finden sich alle vorhergehenden Flugblätter.
Zum vorigen Flugblatt: Semesteranfangszeitung Wintersemester 2025/26.
Das aktuelle gemeinsame Flugblatt im Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!): Es knirscht im System − Eine Entknirschung.
Semesteranfangszeitung Sommersemester 2026
Voll und ganz Rüstung
„Armin Papperger ist mit einem gehörigen [ungehörigen?] Selbstbewusstsein ausgestattet. Das ist zwar praktisch Einstellungsvoraussetzung für Vorstandsvorsitzende von Dax-Konzernen, doch als Chef des größten deutschen Rüstungskonzerns spürt Papperger seit einigen Jahren besonders viel Rückenwind. Getrieben durch das starke Wachstum des Unternehmens durch die anhaltend hohe Nachfrage an seiner Munition, Panzerfahrzeugen und sonstigen Waffen ist der 63 Jahre alte Bayer zu einem der meistgefragten Wirtschaftsbosse geworden. Papperger ist gleichzeitig einer, der seine Meinung nicht zurückhält, was aus dem Rauschen des oft glattgebügelten Managersprechs heraussticht.“
Jonas Jansen, „Kein Diplomat“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ („FAZ“), 31.3.2026, S. 8.
Nachdenklich
„Wir brauchen keine einfachen Antworten, die die Folgen außer Acht lassen. Wir brauchen ein planvolles Vorgehen.“
Susanne Beyer, „Im Zweifel für den Zweifel/Es gibt sie, die guten Antworten“, „SPIEGEL“ Nr. 14/27.3.2026, S. 28.
Kritisch aktive Geduld
„In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten.“
Heinrich Heine, „ Reise von München nach Genua“, 1828.
Unmißverständlich tituliert – „Kein Diplomat“: Wahrlich, der oberste Heerführer des aggressiven Rüstungskonzerns, der mit den Aktien dieses Waffenbetriebes selbst Millionen einstreicht, rühmt sich des öfteren damit, Panzer fahren zu können.
Einmal kurz – in mächtiger Wartestellung – beiseite gelassen, daß uns die historische Erfahrung, das Grundgesetz, die UNO-Charta, die UNESCO, die Friedensbewegung, die Zivilklauseln bzw. die zu lösenden großen globalen Aufgaben der gesellschaftlichen Menschheit (zivile Entwicklung, Beseitigung des Elends, Bewältigung der Klimakrise, nachhaltige Demokratisierung) zeigen und beauftragen, eine tatsächliche Zeitenwende zu realisieren: Was sollen Leute dazu denken, die zu Fuß gehen, das Fahrrad benutzen, die öffentlichen Verkehrsmittel schätzen und auf eine Kanone ganz gewiß gern verzichten? Abseitig.
Nun aber im Ernst: Dieser wieder aufblühende, vulgäre Heroismus ist mit Sicherheit kein Leitbild oder eine Leitfigur für die gesellschaftliche Kultur, die internationalen Beziehungen oder die Entwicklung einer solidarischen und somit erfreulichen Persönlichkeit.
Diese bellizistische Protzerei ist eine von vorgestern und somit ohne Zukunft.
Sie gehört eindeutig auch nicht zu dem humanistischen Inventar von Pädagogik, Bildung, Wissenschaften, Kunst, Kultur, Gesundheitsversorgung, Arbeitsgestaltung, Persönlichkeitsentwicklung und alltäglicher Lebensweise.
Der Mensch ist kein Krieger. Die Gesellschaft kein Waffenlager.
Die Welt kein Kriegsschauplatz.
Hier ist ein positives Kontra geboten. Das Allgemeinwohl ist zu verwirklichen. Niemand ist allein.
„Studierende können gKI unter anderem
- zur Initiierung und Verbesserung von Schreibprozessen verwenden, z. B. indem sie sich Ideen für Themen generieren, Hilfestellungen beim sprachlichen Ausdruck geben oder Textpassagen übersetzen lassen,
- zur Individualisierung und Strukturierung von Lerninhalten nutzen, z. B. indem sie sich verfügbare Inhalte gemäß den eigenen Bedürfnissen zusammenstellen oder anreichern oder sich individuelle Lernpläne erstellen lassen,
- als unterstützenden Interaktionspartner in der Bearbeitung von Aufgaben nutzen, die Kreativität erfordern, um z. B. eigene Ideen anzureichern, Fragestellungen zu diskutieren oder Gegenargumente zu finden, (…)“
Orientierungsrahmen der UHH zum Umgang mit generativen KI-Systemen in Studium und Lehre, Beratungskreis Digitalisierung in der Lehre der UHH, Stand 24.11.2025
„… daß eine bestimmte menschliche Gesellschaft eine bestimmte Gesellschaft der Sachen voraussetzt und daß die menschliche Gesellschaft nur möglich ist, insofern eine bestimmte Gesellschaft der Sachen existiert, ist ebenfalls ein Gemeinplatz. Es ist wahr, daß diesen außer-individuellen Organismen bisher eine mechanistische und deterministische Bedeutung gegeben wurde: daher die Reaktion. Man muß eine Lehre erarbeiten, in der all diese Verhältnisse tätig und in Bewegung sind, wobei ganz deutlich festgestellt wird, daß der Sitz dieser Tätigkeit das Bewußtsein des Einzelmenschen ist, der erkennt, will, bewundert, schafft, insofern er bereits erkennt, will, bewundert, schafft usw. und sich nicht als isoliert, sondern als voller Möglichkeiten begreift, die ihm von anderen Menschen und von der Gesellschaft der Dinge geboten werden, wovon er unvermeidlich eine gewisse Kenntnis hat. (Wie jeder Mensch Philosoph ist, so ist jeder Mensch Wissenschaftler usw.)“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Bd. 6, Heft 10, Teil II, § (54), 1932-35.c
Wieso eigentlich sollten sich ausgerechnet die Hochschulen dem Hype um „Artificial Intelligence“ anheimstellen? Sollte nicht gerade die Universität den Beweis antreten, dass der Mensch als vernunftbegabt, verstehend, schöpferisch und solidarisch zusammenwirkend unübertrefflich ist?
Die notwendige Skepsis beginnt bereits damit, dass die für die KI erforderlichen Algorithmen, Daten, Rechner und Server nicht außerhalb der Eigentumsverhältnisse stehen und die Abhängigkeit von einigen durchweg reaktionären High-Tech-Mogulen unvereinbar ist mit der Wissenschaftsfreiheit (Art. 5 GG), also der Souveränität zur kritischen Erkenntnisbildung.
Zudem gilt, dass die digitalen Geräte und Formeln das Menschliche immer nur simulieren und weder Bedürfnisse und Anteilnahme noch gar soziale Interessen kennen. Eine KI kann eine Atombombe ebenso leidenschaftslos zünden, wie sie Hinweise für einen (unpersönlichen) geglätteten sprachlichen Ausdruck geben kann. Nur der Mensch ist befähigt zum humanistisch motivierten Widerstand gegen Befehl, Gehorsam und Krieg sowie zur friedensbewegten Anteilnahme am Lebenswillen eines Jeden. (Und ein persönlicher Stil entwickelt sich mit der Lektüre guter Literatur und im lebendigen Gespräch mit anderen.)
Nahezu grausam muten daher die offenkundig ratlosen „Empfehlungen“ des „Beratungskreises Digitalisierung in der Lehre der UHH“ (s.o.) an, mit denen die durch die Corona-Eindämmung ohnehin schon verschärfte Vereinzelung und Einsamkeit in Studium weiter vorangetrieben würde. „Ideen für Fragestellungen“, „Hilfestellung“, „Strukturierung von Lerninhalten“ – für all das sind Mitstudierende und Freunde die besten und unendlich erfreulicheren „unterstützende(n) Interaktionspartner“. Zumal man mit der KI schwerlich dabei ein Bier oder eine Limo trinken und heiter rumalbern kann.
Der angedrohte Einbruch der KI in die menschliche Domäne des Verstandes ist allerdings eine Herausforderung an die Wissenschaften, sich auf ihre Wurzeln der Vernunft, der Aufklärung und der Kritik zu besinnen. Das modularisierte Bologna-Studium mit Dauerprüfung und entsprechendem bulimischen Lernen ist gescheitert, die Universität muss wieder etwas anderes sein als ein Zertifikationsausstellungsamt, Nachhaltigkeit darf mehr sein als ein exzellentes Label.
Der Erkenntniswille in Bezug auf die Lösung gesellschaftlicher Schlüsselprobleme (Krieg, soziale Ungleichheit, Klimawandel) möge demnach den Dreh- und Angelpunkt aller Forschung, Lehre, Studium und (Selbst)verwaltung bilden. Studierende und Dozierende begegnen sich dabei in egalitärer Einheit von forschend Lernenden und lernenden Forscher:innen. An die Stelle der hierarchischen Prüfungsabfrage vorher eingetrichterten Wissens tritt die gegenseitige solidarische Rückmeldung zu neuen Entwicklungen und Erkenntnissen. Dabei kann auf bereits gewonnene erfreuliche, historische Erfahrungen und Erkenntnisse (z.B. Aufklärung, Marx/Engels, Befreiung vom Faschismus und Überwindung von Krieg) zurückgegriffen und Gescheitertes und Menschenwidriges (u.a. Misanthropie und Rassenkunde, Imperialismus, Neoliberalismus) verworfen werden.
Die Zeit ist reif für eine solche Hochschule. Dafür kommt es auf Alle an, als menschliche Wesen mit allen Sinnen.
„Denn nicht nur die 5 Sinne, sondern auch die sogenannten geistigen Sinne, die praktischen Sinne (Wille, Liebe etc.), mit einem Wort der menschliche Sinn, die Menschlichkeit der Sinne wird erst durch das Dasein seines Gegenstandes, durch die vermenschlichte Natur. Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte. Der unter dem rohen praktischen Bedürfnis befangene Sinn hat auch nur einen bornierten Sinn.“
Karl Marx, „Ökonomisch-philosophische Manuskripte“ (1844), MEW Ergänzungsband 1, S. 541.
„Besonders begrüßen wir die Entscheidung der spanischen Regierung, die Nutzung der US-Militärstützpunkte in Rota und Morón für Angriffe gegen Iran nicht zu genehmigen. Obwohl diese Stützpunkte gemeinsam mit den Vereinigten Staaten betrieben werden, stehen sie unter spanischer Souveränität und dürfen nicht für militärische Aktionen genutzt werden, die den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen widersprechen oder zu einer weiteren Eskalation beitragen. (...) Die Haltung (...) knüpft an eine starke demokratische Tradition der spanischen Zivilgesellschaft an: die klare Botschaft „No a la guerra“ – Nein zum Krieg. (…)
Das Science4Peace Forum zusammen mit anderen Organisationen ruft daher andere europäische Regierungen sowie Vertreterinnen und Vertreter von Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik in ganz Europa dazu auf, diese Haltung zu unterstützen und dem Beispiel Spaniens zu folgen.“
Alle wissen es, viele sagen es (laut oder leise) und einige ziehen daraus Konsequenzen: Das Agieren des Reaktionärs im Weißen Haus ist ebenso primitiv, brutal und bar jeder Vernunft, wie der Krieg gegen den Iran glasklar völkerrechtswidrig ist. (Ebenso der Krieg gegen den Irak ab 2003, die 60-jährige Blockade gegen Kuba und die Entführung des venezolanischen Regierungschefs). Im Namen der „Freiheit“ (real für niedere ökonomische und geopolitische Interessen) sollen die Maßstäbe der Selbstbestimmung der Völker sowie ihres friedlichen Zusammenlebens und -wirkens durch das Recht des Stärkeren beseitigt werden. Die kraftmeierische Einschüchterungspolitik soll den Untergang des US-Imperiums aufhalten – und beschleunigt ihn.
Was können wir tun? Zunächst einmal laut und deutlich NEIN sagen! Spanien ist ein gutes Beispiel dafür, dass wenn Linke und Friedensbewegung offensiv sind, eine Regierung auch was richtig machen kann. Der Widerstand des Volkes gegen Krieg und Tyrannei hat eine lange Geschichte und der Antifaschismus ist stark präsent. Deshalb wird die Nutzung der US-Militärstützpunkte (Marine und Luftwaffe) und des Luftraums in Spanien im Zuge des Iran-Kriegs untersagt und stattdessen dafür gearbeitet, die Konflikte politisch zu lösen. Richtig! Denn auch wenn zur Zeit der Eindruck geschunden wird, nur die Waffen könnten sprechen: Diplomatie ist immer nötig und möglich. Und siehe da: Die Reihe der Länder, die finden, dass dies nicht „ihr Krieg“ sei, wird immer länger: Italien lässt Landungen des US-Militärs auf Sizilien nicht zu, Frankreich genehmigt nicht (mehr) den Überflug für Transporte von US-Waffen nach Israel und auch Österreich verweigert die Nutzung des Luftraums für Einsätze im Iran-Krieg, begründet mit der Neutralität. Die Schweiz geht einen Schritt weiter, sie stoppt konsequenterweise ihre Waffenexporte in die USA.
Außerhalb Europas findet dieser Krieg ohnehin so gut wie keine Unterstützung. Ein klares NEIN ist zugleich ein JA. Wo einige Regierungen das Völkerrecht ganz „komplex“ finden, ist es eigentlich recht einfach: Nach zwei Weltkriegen und Faschismus schafften die Völker der Vereinten Nationen u.a. mit der UN-Charta, der Menschenrechtserklärung und den Pakten für die politischen und sozialen Menschenrechte sowie einer Vielzahl von Organisationen die Grundlage für eine humane Weltordnung. Gewaltverbot, Souveränität aller Bevölkerungen – nicht zuletzt über die eigenen Ressourcen – und umfassende Kooperation zur Lösung der Menschheitsaufgaben sind von allen verbindlich verabredet worden. Es lohnt sich, dafür zu arbeiten, nicht nur, wo die Menschenrechte mit Stiefeln getreten werden. Die Zivilgesellschaft ist es, die eine zivile Gesellschaft schafft.
Als Mitglieder der Universität sind wir besonders berufen, die Aufklärung über Kriegs- und Friedensursachen voranzutreiben, die Wissenschaften nur im Dienste des Menschen zu entwickeln sowie die UN-Nachhaltigkeitsziele (z.B. SDG 16: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) mit Leben zu füllen und durchzusetzen. Das hat Sinn und Verstand für eine bessere Welt und hebt die Laune ganz rasant.