Das aktuelle Flugblatt

An dieser Stelle wird das Flugblatt publiziert, das gerade an der Universität Hamburg auf den Mensatischen verteilt wird. Im Archiv finden sich alle vorhergehenden Flugblätter.

Zum letzten Flugblatt: Wozu sind Milliardäre gut? Für eine Renaissance der Gerechtigkeit.

Zur Semesteranfangszeitung für das Wintersemester 2019/2020.

Das aktuelle gemeinsame Flugblatt im Bündnis für Aufklärung und Emanzipation (BAE!):
Im Zentrum: Bildung als Emanzipation.

Aktive Sinnstiftung
Aus den Irrtümern hinaus

„Man muss die Dominanz einer Selbstverwirklichungskultur positiver Gefühle in ihrer ganzen Tragweite erkennen, um zu begreifen, welche Bedeutung umgekehrt negative Gefühle in der Spätmoderne erlangen können. (...) Ein Leben, das sein Fundament im subjektiven Erleben findet, kann im glücklichen Fall emotional besonders erfüllend sein – aber dem Erleben ist es eigen, dass es häufig ambivalent ist und sich einstmals positive Gefühle abnutzen und ins Negative kippen: Dann hat man das Gefühl, der einmal ergriffene Beruf füllt einen nicht aus, in der Partnerschaft mehren sich die Störelemente, der Wohn- und Lebensort verliert seinen Reiz. Nach außen gesehen perfekte Lebensbedingungen können im subjektiven Erleben ausgesprochen schal erscheinen.“

Andreas Reckwitz, „Für eine Kultur der emotionalen Abkühlung“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“), 24.11.2019, S. 42.

 

„SPIEGEL: Sollte man in kritischen Situationen erst einmal auf Sicht fahren?
Hoppert: Wer nur auf Sicht fährt, fährt leicht dem Untergang entgegen. Wenn Nebel aufkommt, ist man verloren ohne Radar oder andere Navigationshilfen. Wer auf Sicht fährt, hat nichts als die eigene Wahrnehmung. Es gibt Situationen, in denen das einfach nicht ausreicht.“

Kapitän a.D. Friedhold Hoppert im „SPIEGEL-Interview“, „SPIEGELONLINE“, 24.11.2019

 

„Die Gesellschaftsform ist die beste, die den meisten Menschen den größten Erfolg gewährleistet.“

Bertolt Brecht, „Über Erfolg“, „Me-ti / Buch der Wendungen“, wesentlich entstanden im Exil der 1930er Jahre.

Fahren nur auf Sicht: Das unmittelbare, scheinbar alternativlose Handeln ist nicht nur das Dogma der Kanzlerin oder der sogenannten GroKo, sondern wird auch als Leitlinie für das Gros der Bevölkerung propagiert.

Das bürgerlich-protestantische „Arbeite, bete, spare“ findet seine aktuelle Entsprechung in dem neoliberalen Gebot „Leiste, lächle, vereinsame“. Suggeriert wird, wenn mensch nur hinreichend auf sich achte, sich selbst optimiere, positiv denke, seinen Vorteil erringe, werde alles gut. So normal zu sein, bringe alles ins Lot.

So gesehen sind die scheinbar perfekten individuellen Lebensbedingungen – wer auch immer sie der Form nach erreichen mag – nicht nur, wie Andreas Reckwitz in der „FAS“ (erstes Zitat) sie subjektiv erscheinen läßt, schal, sondern strukturell ungenügend und deshalb veränderungswürdig. Dabei geht es nicht darum, abzukühlen. Vielmehr ist der Verstand neu zu justieren.

Das „Fahren nur auf Sicht“ erklärt schon der erfahrene Kapitän (siehe zweites Zitat) als gefährlich. Das gilt in „kritischen Situationen“, aber auch in weniger gefährlicher Lage ist kurzfristig orientiertes Handeln wenig befriedigend bzw. kaum wirkungsvoll gestaltend.

Sinngebend, menschlich angemessen und persönlich souverän ist hingegen (siehe drittes Zitat), sich bewußt an der vernünftigen Veränderung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen zu beteiligen. Der Mangel besteht nicht in zu wenig individueller Leistung, Fitness oder Wellness, sondern in einem sozialen Defizit an Arbeit, Bildung, Kultur und Frieden. Erst wenn die Waffen schweigen, die Not beseitigt wird, sinnvolle Arbeit ausreichend bezahlt wird, der Mensch sich in einer intakten Natur erholen und sich aufgeklärt begegnen kann, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und nützlich wirksam sind und kooperatives Handeln zu dominieren beginnt, kann von einem Einklang zwischen Verstand und Gefühl gesprochen und als Stimmigkeit so erlebt werden. Einsamkeit ist überwindbar.

Logik
Das Bestehende
beherzt zu kritisieren,
öffnet den Verstand.

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Jakobinersperling